Wenn deine Empathie dir Worte mit einem Feenstaubglitzergeräusch auf einem Silbertablett serviert und gleichzeitig mit der rostigen Kettensäge, an der noch – ausgesprochen zahlreich – die gar nicht mal so vergammelten Reste deiner eigenen Gefühle kleben, durch die Eingeweide fleischt, weißt du wieder ziemlich genau, warum du eigentlich Expertin im Social Distancing bist.
In blinder Verzweiflung habe ich nach dem Ketamin und der nicht feststellbaren Wirkung unter nunmehr gynäkologischer Anleitung – die aus Gründen schon länger in der Pipeline stand – und laborgestützter Analyse, statt einer wie von mir angedachten endokrinologischen Breitseite eine großzügige Salve an Essentials ins Cerebrum geschmissen. Und siehe da, es ward Licht. Allerdings zeigten sich die Glühwürmchen als ausgesprochen kurzlebig und verwesen seit eineinhalb Wochen wieder, während ich mir die Frage nach einem Placebo-Effekt stelle und es damit dann wohl doch selber in der Hand hätte, aber immer wieder loslasse. Was ist falsch mit mir? Ich kann das alles nicht mehr.
Die psychologischen Hintergründe sind mir weitgehend klar, und trotzdem bin ich beeindruckt bis überwältigt von der Wucht, mit der mich dieser Teilsatz eines Kollegen erwischt und nachhaltig beschäftigt, als er ebenso unaufgefordert wie selbstverständlich anerkennt, dass so eine Krankheit einfach Scheiße ist. Noch intensiver wird es durch die Tatsache, dass er weder zu denen gehört, die Schleimspuren hinterlassen, noch darauf aus ist, durch seine Worte an in diesem Fall nicht geteilte Oversharing-Informationen zu gelangen, die wie auch immer geartete Hintergedanken befriedigen.
Mir. Wird. Geglaubt. Und zwar nicht nur von ihm, sondern zusätzlich von denjenigen, mit denen er sich austauscht. Sprich, weitere direkte Kolleg:innen meinerseits, deren Meinung mir mangels ausreichendem Selbstwert etwas bedeutet.
Heißt aber auch, mein Ego fühlt sich auf eine pervertierte, aber enorm großartige Art und Weise ganz außerordentlich gestreichelt, weil ich scheinbar doch auch wichtig genug bin, dass man über mich spricht.
Wir haben Glück mit dem Wetter, im Gegensatz zu vorgestern und heute löst sich der Nebel just in time auf und die ausgesprochen ansehnliche Herbstbergbachgraslandschaft sonnt sich unter blauestem Himmel. Ich hasse Menschen, es regnet Asche.
Rückblende. Montag, eine nicht angetretene Urlaubsrückkehr und die Erwartung eines letzten Besuchs im Wunderland enden ohne diesen in einem runtergehandelten gelben Schein und Gedanken in Vantablack. Tage versickern unter pharmakologischen Schwergewichtsdecken und nicht nur Gartenarbeit hinterlässt rote Striemen auf meiner Haut.
Das raumübergreifende Großgrün knallt großorangerot mit dem Rest um die Wette und ich verstehe nicht, wie dieses Übermaß an Buntheit sich am Ende meines Sehnervs einfach im Nichts auflöst, welches seinesgleichen sucht, aber doch nichts neben sich duldet.
Jetzt. Es hat also die bereits die Hälfte meiner gehandelten Krankschreibung gebraucht, dass mir auch nur der Einfall kommt, es könnte hier tatsächlich um mein Leben gehen und nicht um unterbewusste Urlaubstagebeschaffung. Darauf einen Keks.
Es beginnt mit nicht unangenehmen Schwindel und hangelt sich über Synästhesien hin zum reinen Licht eines immerwährenden Sonnenaufgangs, der meine Seele umarmt. Weil sich aber auch Tage nach der zweiten Infusion keine weiteren Worte in meinem Kopf zusammenfanden, tat sich mein innerer Stuhlkreis bei der weiteren Bearbeitung eher schwer.
Dann aber folgen Nummer Drei und Vier mit neuerlich erhöhter Dosis und reduzieren mich auf reine Synapsenaktivität, auf Gedanken und Gefühle. Als mir die auch schon nicht mehr aktiv weiterverfolgte Assoziationskette um existenziellphilosophische Fragen endgültig entgleitet und alles zu noch mehr Licht und Wärme wird, schrumpfen die Worte unter der Last der Erinnerung immer schneller und taumelnder zu einer riesenkleinen, flüsterschreienden Buchstabenfolge.
Mama.
Vor dem Hintergrund meiner anfänglich ins weiße Rauschen geworfenen Fragestellung, wer ich eigentlich bin und sein will, mag diese Buchstabenfolge angesichts meiner Kinderfreiheit für Fragezeichen sorgen, jedoch gehört sie unanfechtbar zu dem, was mein Verstand bisher nur als diffuse Vermutung aus Erzähltem und Körpererinnerungen ziehen konnte.
Diese vierte Erfahrung definiert das Wort Intensiv einfach mal neu. Alte Einsamkeit und akute Körperspannung werden – neben dem verzweifelten Widerhall (Mama!!!) – zu einer ganz neuen Dimension von Sehnsucht.
Nummer Fünf, mit gleicher Dosis wie bei den letzten beiden Trips, kommt nicht mal in die Nähe dieser Tiefenwirkung. Es bleibt bei sachtem inneren Sonnenaufgangsflair – und frustriert mich enorm. Daher, auch wenn ich vom eigentlich angestrebten Ergebnis bisher ausgesprochen wenig spüre und ein dreistelliger Betrag auf dem Preisschild steht, wird meine Ellenbeuge um ein weiteres, dann vorerst aber letztes Loch reicher. Und ich hoffentlich um eine tiefgreifende Reise ins Wunderland.
Mein Belohnungs- & Suchtzentrum verneigt sich ehrfurchtsvoll vor dem K-Hole, während die Grenzen zwischen meinen Sinnen aufweichen und sich Körper in Licht auflöst. Der Herr Psychiater ist so freundlich, mich bis auf die gelegentliche Kontrolle meiner Werte – Körper ist also doch noch da, so scheint es – einfach nur existieren zu lassen. Die Hoffnung, zu einer derer zu gehören, bei denen schon nach ein oder zwei solcher Holes das eigentliche Loch weniger tief ist – (-*-=+, oder etwa nicht?!) – verschwindet fast ebenso schnell wie der Drehwurm nach dem entfernen der Nadel aus meinem Arm. Und auch, wenn diese Erfahrung eine sehr spezielle ist, für die Horizonterweiterung eine nur unzureichende Beschreibung darstellt, frage ich mich, ob ich vielleicht die falsche Kandidatin für diese Art der Therapie bin oder halt einfach keine Depressionen habe. Ersteres erscheint jedoch angesichts der nicht verbalisierten Gedanken, für die mir zu einem Großteil einfach die Worte sowie die angemessene Verarbeitung fehlen, sehr viel plausibler. Und vielleicht findet sich in den nächsten Tagen eine Lexemsammlung, die für die drei noch folgenden Termine etwas mehr Erleuchtung bringt.